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Das weise Gefecht der Worte JA und Nein

Märchen von Elke Paland

 

Das große Treffen der Worte

 

 

Dies ist die Geschichte der beiden Worten "JA und NEIN", die beide nicht glücklich waren.

 

 

Es war einmal ein JA. Von ihm gab es eine große Anzahl im Wortschatz des Besitzers- und eigentlich genauso viele NEIN’s.

 

Als sich die Ja’s und Nein’s eines Tages beim großen Treffen der Worte gegenüberstanden, mussten sie erkennen, dass die Neins noch immer kaum angebrochen waren und die Ja’s fast verbraucht waren.

Es kam zur großen Gesamtrunde, bei der die Worte sagen durften, was sie störte und was nicht.

 

Die Ja’s, die noch übrig waren konnten sich kaum halten und wollten zu aller erst sprechen, so groß war ihre Unzufriedenheit über ihren Nutzen.

Ihr Besitzer wählte vielfach JAs aus, obwohl er zu den NEINs hätte greifen müssen.

 

Die Nein‘s wiederum erwähnten, dass wenn er sich wirklich mal eines von ihnen bemächtigt hätte, es fast seinen Zweck nicht erfüllen konnte.

Das Nein wurde dann unsicher ausgesprochen und mit einer gewissen Reue- ja sogar einem schlechten Gewissen. Und dass, obwohl es im Sinne ihres Standes mit Nachdruck und voller sonorer Intensität, ja voller Klarheit hätte ausgesprochen werden müssen.

Doch was konnte so schwer sein, dass diese beiden Worte nicht entsprechend ihrem Zweck genutzt wurden?

 

Die Antwort ist traurig und dennoch verständlich. Aber lest gerne weiter, was geschah:

Die JA’s und Nein’s setzten sich in den großen Kinoraum, in dem sie „Rückblickfilme“ sehen konnten. Diese Filme wurden nur dann gezeigt, wenn die Abstimmung aller Worte ergab, dass es wichtig wäre, eine Erklärung zu finden, denn auch andere Worte meldeten sich plötzlich zu Wort, die ähnliche Eindrücke hatte. Es wurden Sätze geformt, die nicht zu den Gefühlen des Besitzers passten.

Alle waren gespannt, was der Hintergrund war und es wurde ruhig im Kinosaal.

 

Da sahen sie einen kleinen Jungen. Es war der Besitzer ihrer gemeinsamen Sprache, nur dass er heute viel älter war. Sie sahen seine Wohnung, seine Familie und Freunde.

Lange sahen sie gebannt viele der Szenen, die seinen jungen Lebensweg prägten.

 

Da war eine Mutter, die ihn wegschubste, wenn er nicht das tat, was sie wollte. Da war ein Vater, der so streng war, dass der kleine Junge immer versuchte zu erraten, was er hören wollte, nur damit er ihn ebenfalls nicht wegschubste. Dabei konnte er gar nicht wirklich erkennen, was er selbst wollte.

Und da war eine Oma, die selten genau das sagte, was sie meinte.

 

Kurzum, ein Ja im Sinne dessen, was der kleine Junge wollte konnte nicht genutzt werden, weil sonst die wichtigsten Worte unter ihnen, nämlich „Verbindung“ und „Liebe“ nicht hätten entstehen können.

 

Und ein NEIN hatte es aus den gleichen Gründen ebenso schwer.

 

Sie waren alle ziemlich traurig über den Weg ihrer Wort-Vorfahren und beschlossen etwas zu tun. Natürlich benötigten Sie dafür einige Freunde im Körper ihres Besitzers. Vor allem aber benötigten sie Bilder und zwar möglichst im Schlaf.

Sie baten den Traum, die Gefühle: Geduld und Selbstliebe, den Mut, die Herzenswärme, die Stimme und die letzten JA’s und NEIN’s gemeinsam an einen großen Konferenztisch.

 

Dort beschlossen sie ihrem Besitzer zu helfen. In jeder Nacht – so beschlossen sie-, wollten Sie gemeinsam mit dem Traum Szenen kreieren, in denen ihr Besitzer in diese Situationen kam, wie einst oder auch heute.

 

Doch sie sorgten dafür, dass sie alle so ausgingen, wie seine Gefühle fühlten und sie zeigten Bilder, die ein positives Ende darstellten und seine Sorge so immer mehr schwinden ließen.
Dadurch bedeutete in den Träumen ein wirklich gefühltes und ausgesprochenes NEIN keine Trennung von einem lieben Menschen und ein JA wurde nur dann ausgesprochen, wenn es auch ein ehrlich gefühltes JA war.

 

Eines Tages, es war heller Tag, da befand sich der Mann in einer Situation, die er schon oft erlebt hatte. Er hatte Streit mit seiner Frau. Nur um ihr den Gefallen zu tun und um sie nicht zu verärgern oder das Gefühl zu haben, sie könnte weggehen, wenn er sie verärgern würde, wollte er bereits ein „ungefühltes“ JA sagen, da war ihm, als wäre sein Hals zugeschnürt, seine Zunge würde in den Streik treten und seine Stimmbänder würden das Schwingen verweigern und es machte sich eine wundervolle Klarheit breit, eine liebende Wärme in seinem Brustkorb, von der er fühlte, dass sie nur sich selbst galt.

 

Einige Sekunden vergingen, eine Ruhe machte sich breit- völlig ungewöhnlich-….

 

Da formten seine Lippen das gefühlte NEIN.

 

Und was geschah?

 

Es geschah, dass seine Frau- zwar ziemlich irritiert und erstaunt- das Nein – genauso, wie zuvor die vielen JA’s akzeptierte. Und sie nahm noch etwas wahr. Es war eine Art Stolz auf ihren Mann. Sie fühlte, etwas Großartiges war für ihn geschehen. Sie fühlte auch, dass sich in Zukunft etwas ändern würde, aber sie empfand, dass diese Situation, die sie soeben erlebte, ein besonderer Anfang war.

Er selbst war ebenso irritiert und erstaunt, aber irgendwie fühlte er sich plötzlich unsagbar frei und erleichtert und die Wärme in seinem Herzen wurde größer.

 

Herzlichst

© Elke Paland

 

 

 

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